Maria Zinfert
Die grosse Diagonale

Der französische Arzt, Archäologe und Autor Victor Segalen im Reich der Mitte

 

Kurz vor seinem Tod soll Jorge Luis Borges einem Dichter den Rat gegeben haben, keinen Monat länger zu leben, ohne das Gesamtwerk von Victor Segalen zu kennen. Daraufhin soll er angefangen haben zu lachen, denn, so Borges, um Segalen zu lesen braucht man weniger als einen Monat, um ihn aber zu verstehen, das restliche Leben. Was hat es auf sich mit diesem Werk, das Borges so eindringlich empfiehlt und dessen hermetischer Charakter ihn so sehr erheitert? Das knapp 2000 Seiten umfassende Œuvre des 1878 in Brest geborenen Autors Victor Segalen entstand in den Jahren 1902 bis 1918, bekannt waren seine Romane, Essays, Gedichte, Dramen und Reisetagebücher bis in die 70er Jahre hinein auch in Frankreich lediglich einem sehr kleinen Kreis. Segalens Interessen waren so vielseitig und seine Kenntnisse je so fundiert, dass seine Leser oft nur den Teil seines Werks kennen, der mit ihrer Spezialisierung korrespondiert: Die Kunsthistoriker seine Beschäftigung mit Gauguin, die Ethnologen seinen Roman über die Kultur der Maori, die Musikologen seinen Briefwechsel mit Debussy, die Archäologen seine Schrift zur chinesischen Steinplastik und die Sinologen den poeta doctus im Reich der Mitte. Daneben gab und gibt es Schriftsteller, die sein Werk schätzen und zum Teil auch auf die eine oder andere Weise für ihr eigenes Schreiben produktiv machten.

 

Rainer Maria Rilke, möglicherweise der erste deutsche Leser Segalens, schreibt 1924 in einem Brief über dessen 1922 posthum erschienen Roman „René Leys“, das besondere Geheimnis dieses Buches bestehe darin, dass es Schweigen gebiete über die Dinge, die man darin zu sehen glaubt. Nicht zuletzt gilt Rilkes Sprechverbot wohl der homoerotischen Atmosphäre dieses Krimis um den Tod des vorletzten chinesischen Kaisers. Die Tagebuchform des Romans und die Tatsache, dass der Ich-Erzähler ebenso wie der Autor Victor Segalen heisst, legt nahe, es handle sich um ein autobiographisches Werk. Doch bezeichnet der Name hier nicht eine bestimmte Person, sondern ist vielmehr Chiffre der Erzählhaltung: "Segalen", heißt es im Roman, sei das bretonische Wort für Weizenähre, derjenige, den der Autor Segalen da schreiben lässt, kommt aus dem "Finistère" — im Reich der Mitte ist er ein Barbar vom Rande der Welt.

 

Victor Segalen war als Arzt der französischen Marine von 1903 bis 1904 auf Tahiti stationiert, wo er sich intensiv mit der Sprache, Navigation, Musik, Religion und den Mythen der Maori sowie der Geschichte der Entdeckung und Christianisierung der polynesischen Inseln beschäftigte. Sein dort begonnener und in Frankreich 1907 beendeter und publizierter Roman „Les Immémoriaux“ (dt. „Die Unvordenklichen“) stellt in der Darstellung der Bekehrung der Tahitianer zum christlichen Glauben, die auch Konversion von einer mündlich tradierten Religion zur Schrift war, eine zentrale Frage seines Schreibens, die Frage nach dem Ursprung von Literatur. Segalens Werk ist, so Giorgio Agamben, die beständige Suche nach dem eigenen Ort zwischen der gesprochenen Sprache der Mythen und dem Buchstaben.

 

Auf der Überfahrt von Frankreich nach Tahiti hielt sich Segalen im Herbst 1902 mehrere Wochen in San Francisco auf; in der dortigen China Town kam er zum erstenmal in Berührung mit der Kultur der Chinesen. Sicher war es nicht zuletzt die Besonderheit der chinesischen Schriftzeichen und die signifikante Prägung der chinesischen Kultur durch Schrift, die den Dichter Segalen anzog. Aus Polynesien nach Frankreich zurückgekehrt nahm er schon bald das Studium der chinesischen Sprache auf und begann sich auf einen Aufenthalt in China vorzubereiten. Im Sommer 1909 trifft er in Peking ein. Bereits einen Tag nach seiner Ankunft nennt er die Stadt in einem Brief an seine Frau „ma Capitale“; sein auf strenge Konstruktion ausgerichtetes Schreiben findet eine Entsprechung in der geometrischen Anlage der Stadt, die in ihrer Mitte die Verbotene Stadt mit dem Kaiserpalast einschliesst. Im November 1908 waren in der Verbotenen Stadt zuerst Kaiser Guangxu und kurz danach dessen Adoptivmutter die Regentin Cixi gestorben. 1911 erlebte Segalen die Abdankung der Qing Dynastie und damit das Ende einer langen Reihe von Himmelssöhnen, die mit ihren legendären Kaisern und mythischen Urkaisern bis ins dritte Jahrtausend vor Christus zurückreicht. Die Institution des chinesischen Kaisers, der als Mittler zwischen Himmel und Erde im Zentrum einer einzigartigen Ritualkultur steht, affiziert das Schreiben des streng katholisch erzogenen Autors, der sich während seines Aufenthalts auf Tahiti endgültig von der christlichen Religion abgewendet hatte. Der chinesische Sohn des Himmels ist im Werk Segalens nicht nur Opfernder in seiner Funktion als oberster Priester, sondern mehr noch selbst Opfer: fleischgewordenes Symbol, seit Jahrtausenden auserwählt, ummauert von den Wällen um die Verbotene Stadt, die einzig möglicher Ort seiner Sühne ist. Von 1910 bis 1918 arbeitete Segalen an seinem Roman „Le Fils du Ciel“ (dt. „Der Sohn des Himmels“), der jedoch wie vieles in seinem Werk unvollendet blieb. Konzipiert als fiktive Chronik der Regierungszeit Guangxus, orientiert sich der erste und zweite Teil des Romans an Fakten der Geschichte Chinas in den Jahren 1889 bis 1902; der dritte Teil ist fiktive Darstellung der letzten Lebensjahre des politisch machtlosen Kaisers. Segalen läßt Guangxu auf eine imaginäre Reise durch die Jahrtausende chinesischer Geschichte und Legenden gehen, er verleiht ihm die Fähigkeit, die Zeit umzudrehen und seine Vorgänger auf dem Drachenthron zu verkörpern. Um die für seine Erzählhaltung erforderliche Nähe zum Sohn des Himmels plausibel zu machen, stellt er Guangxu einen geheimen Chronisten an die Seite. Wou K‘ o-leang heisst dieser fiktive Schreiber, und wird so zum chinesischen Pendant des Ich-Erzählers Segalen (Weizenähre) in „René Leys“: „leang“ ist die chinesische Bezeichnung für Moorhirse. Hinter den fiktiven Schreibern beider Romane wird der Autor Segalen erkennbar, ohne mit diesen identisch zu sein. „René Leys“ ist fiktionales Tagebuch der Recherche zu „Le Fils du Ciel“, einer Recherche, deren Ergebnisse am Ende ungesichert bleiben, da sie sich auf die Erzählungen eines jungen Mannes gründen, der unter eigenartigen Halluzinationen leidet.

 

Aufgrund eigener psychischer Probleme – 1900 musste er sein Studium aufgrund einer schweren Depression für mehrere Monate unterbrechen – hatte Segalen bereits als Student begonnen sich der Erforschung des Unbewußten zu widmen. Sein anhaltendes Interesse an psychologischen und parapsychologischen Phänomenen ist vor allem auf den Zusammenhang von mentalen Störungen und Kunstproduktion gerichtet. Die Lehren der Psychiatrie im Gefolge von Charcot und die damit verbundene Rede von Erblichkeit und Degeneration, wie sie Max Nordau in einen pathologischen Kunstdiskurs überführt, wies Segalen vehement zurück. Seine Verehrung galt den Dichtern des Symbolismus, den sogenannten „décadents“, allen voran Joris Karl Huysmans, den er 1899 besuchte, und dessen Werk der sich allmählich vom Katholizismus abwendende junge Segalen gewissermaßen „à rebours“ las: „Die Kathedrale“ zuerst und zuletzt „Gegen den Strich“. Die Poetik eines spirituellen Naturalismus, wie sie Huysmans auf den ersten Seiten von „Tief unten“ entwickelt, hat das Schreiben Segalens geprägt: Seine Werke basieren je auf einer umfassenden Recherche und fundierten Kenntnis des Gegenstands, gehen aber in ihrem poetischen Entwurf und ihrer imaginären Leistung weit über die diesen hinaus.

 

Anliegen Segalens, der von sich selbst schrieb, er wohne in einem glänzenden harten Palast aus Porzellan, seinem Palast des Imaginären, war es, das Verhältnis zwischen Imaginärem und Realem auszuloten, wobei er sich in seiner beachtlichen Reisetätigkeit auch den Potenzen des Realen stellte. In „Équipée“ (dt. „Aufbruch in das Land der Wirklichkeit“) inszeniert er in thematisch pointierten Kapiteln die Konfrontation dieser einander fremden Welten. Dieses Reisebuch war literarisches Projekt Segalens anlässlich seiner zweiten China Expedition, die durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendet wurde. Bereits 1909 hatte Segalen mit seinem Freund Gilbert de Voisin China durchquert. In den Etappen der Expedition hatten Segalen und sein Freund de Voisin ihre Freude daran, eine Sammlung von Opiumpfeifen anzulegen und den einzelnen Pfeifen Frauennamen zu geben. Segalens erste Erfahrung mit Opium fällt in seine Studentenzeit, bezeichnend, dass er seine minutiösen Aufzeichnungen darüber mit „Meine Anfänge in der Opiumanie“ überschrieb. Tatsächlich bildet der Genuss von Opium und Reflexionen über die Wirkungen der Droge eine Konstante in Leben und Werk Segalens. Die 6000 Kilometer lange Route der zweiten China Durchquerung im Jahr 1914 lehnt sich eng an die der ersten Reise an und führte die offiziell unter der Ägide des französischen Archäologen Edouard de Chavannes stehende „Mission Segalen – de Voisin – Lartigue“ in einer grossen Diagonale vom Nord-Westen in den Süd-Osten des Landes. Archäologisches Ergebnis dieser Expedition ist, neben zahlreichen ausgezeichneten Fotografien und wichtigen Funden – Segalen entdeckte die bis dahin älteste bekannte chinesische Steinskulptur: das Pferd von Houo K’iu-ping (117 v.C.) – seine Schrift über die chinesische Steinplastik „Chine. La grande Statuaire“ (dt. „China. Die grosse Statue“).

 

Auf allen Gebieten, denen Segalen sich in seinem kurzen Leben widmete, hat er Arbeiten hinterlassen, von denen jede einzelne genügt hätte, sein Andenken zu bewahren. Victor Segalen ist nur 41 Jahre alt geworden. Im Frühjahr 1919 zog er sich, aus gesundheitlichen Gründen vom Dienst beurlaubt, in einen kleinen Ort im Inneren der Bretagne zurück. Am 21. Mai war er zu einem Spaziergang aufgebrochen und nicht zurück gekehrt, am 23. Mai fand man ihn tot im Wald von Huelgoat: gekleidet in seine dunkelblaue Marineuniform mit karmesinroten Litzen, dem Zeichen der Mediziner, ausgestreckt auf dem Mantel, neben sich eine Ausgabe des Hamlet und einen geleerten Becher, die Augen weit geöffnet, ein blutgetränktes Tuch um das linke Fussgelenk gewickelt. Die Umstände seines Todes werden nie geklärt, eine Autopsie wird von der Familie untersagt. Wie der Held seines Romans „René Leys“ auf dem Rücken eines galoppierenden Pferdes die rechtwinkligen Straßen Pekings in großen Diagonalen durchquert, hat Segalen in seinem Schreiben Verbindungen hergestellt zwischen den Antipoden von Okzident und Orient, Literatur und Mythos, Erinnern und Vergessen.